Jaguar E-Type by radical-classics - Fanaticar

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Reden wir nicht um den heissen Brei herum, lassen wir das mit den langen Einleitungen, dem Schmus: Sie, werte Leserin, lieber Leser, sehen hier den ersten E-Type. Ganz einfach den allerersten Jaguar E-Type, auf den die Augen der Welt-Öffentlichkeit fielen, zuerst im kleineren Kreis am 13. März, dann im grösseren am 15. März 1961, als das englische Sportwagen-Wunder auf dem Auto-Salon in Genf seine Premiere erlebte. Nur ganz selten besteht die Möglichkeit, den Anfang einer schönen Auto-Geschichte zu sehen – und auch noch zu fahren. Vielleicht lässt sich der Wert eines solchen Fahrzeugs sogar in Franken oder Dollar ausdrücken, doch in diesem speziellen Fall, weil es sich um ein derart legendäres, einzigartiges, weil einmaliges Fahrzeug handelt, kann solches nicht im Zentrum stehen – wir atmen hier Geschichte. Die Geschichte des Jaguar E-Type wollen wir als bekannt voraussetzen, deshalb wollen wir uns hier mit diesem ganz aussergewöhnlichen Exemplar befassen, dem Fahrzeug mit der Chassisnummer 885’005.

Jaguar E-Type by radical-classics - Fanaticar

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Das Fahrzeug war am 6. März 1961 von einem Transporter im «Experimental Shop» von Jaguar abgeholt und zum Jaguar-Vertreter in Genf, der Garage Place Claparède, gebracht worden, wo es entweder am Abend des 8. oder am Morgen des 9. März eintraf. Dort wurde der Wagen auf die grosse Show am 13. März im Restaurant du Parc des Eaux-Vives vorbereitet – und in eine Holzkiste verpackt. Um 10.30 Uhr begrüsste Jaguar-Gründer Sir William Lyons die anwesenden Gäste (darunter

F.W.R. «Lofty» England, Graf Berghe von Trips, Joakim Bonnier) und Journalisten. Der Deckel und die Seitenteile der Holzkiste wurden entfernt – und es herrschte, wenn man den Zeitzeugen glauben mag, zuerst einmal andächtige Ruhe. Und dann begannen sofort die Kameras zu blitzen. Bezahlt hatte die Veranstaltung übrigens die «Society of Motor Manufacturers and Traders» (SMMT), ein Arrangement, das dem als nicht ausgesprochen grosszügigen geltenden Sir Lyons sicher Freude machte.

 

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Nach kurzer Vorstellung des Fahrzeugs wurden die Anwesenden nach draussen gebeten. Dort stand ein weiterer E-Type, Chassisnummer 885’002 (besser bekannt als 9600 HP), den Bob Berry in der Nacht zuvor nach Genf gefahren hatte. Auch hier durften die Fotografen ans Werk. Die Bilder der beiden E-Type gingen in den nächsten Tagen um die Welt, sie waren die Sensation des Genfer Auto-Salons, noch bevor dieser überhaupt seine Tore geöffnet hatte. Das war auch am 14. März, dem Presse-Tag vor der Eröffnung des Salons, so: Nr. 885’005 war unterdessen auf den Jaguar-Stand gebracht worden, stand dort auf einem Perserteppich – und stahl allen anderen Neuheiten die Show.?? Am Tag der feierlichen Eröffnung des Salons durch den damaligen Schweizer Bundespräsidenten Traugott Wahlen war der Andrang auf dem Jaguar-Stand gewaltig. Der Schweizer Importeur Emil Frey passte den richtigen Moment ab, um Wahlen zu sich auf den Stand zu bitten und ihm das Auto zu zeigen; die Aufmerksamkeit des Bundes-Präsidenten soll ihm für längere Zeit sicher gewesen sein.

 

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Am 16. März war auch der erste Roadster in Genf eingetroffen (das Fahrzeug ist bekannt als RW77 und exisitiert ebenfalls noch) – und Hunderte von Kauf-Interessenten standen sich vor den Toren des Salons die Füsse in den Bauch, um mit dem Coupé (9600HP) oder dem Cabrio (RW77) eine Runde drehen zu dürfen. Am Steuer der E-Type sassen wieder Bob Berry, der eine kurze Formel-1-Karriere hinter sich hatte, sowie der legendäre Jaguar-Testfahrer Norman Davies. Die beiden machten sich anscheinend einen Spass daraus, einen ebenfalls als Testwagen bereitstehenden Ferrari zu düpieren, nach ihm loszufahren, ihn dann zu überholen, und mit einem breiten Lächeln im Gesicht wieder vor dem Italiener beim Salon einzutreffen.

 

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Nach dem Salon wurde der 885’005 wieder in die Garage Place Claparède zurückgebracht. Dort diente er weiteren Demofahrten – und wurde gleichzeitig auf die Schweizer Typen-Prüfung vorbereitet. Am 16. Mai 1961 wurde der Wagen an die «CAP»-Rechtsschutz-Versicherung verkauft, deren damaliger Chef, Georges Filipinetti, kein Unbekannter war, auch wenn er seine «Scuderia Filipinetti» erst ein Jahr später gründen sollte.

Zum ersten Mal eingelöst wurde der E-Type allerdings erst im November 1961.??Was dann genau mit dem 885’005 geschah, liegt im Dunkeln. Die nächste Spur des E-Type findet sich erst wieder 1974, als er im Kanton Solothurn dem Strassenverkehrsamt vorgeführt wurde. Im Februar wurde der Wagen von einem Herrn Stucki eingelöst. Am 18. Juni 1975 wurde der E-Type gemäss einem Entlebucher Polizei-Rapport wegen einer mangelhaften Handbremse für verkehrsuntauglich erklärt, und am 8. August 1975 vom Kanton Luzern konfisziert.

 

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Es dauerte fast 25 Jahre, bis der E-Type das nächste Mal auftauchte. 1999 war es, als er in einer Annonce im Gratisanzeiger des Kantons Waadt zum Verkauf angeboten wurde. Der Wagen war unterdessen schwarz lackiert und mit einem 4,2-Liter-Motor versehen. Ein Monsieur Pittet kaufte den Wagen auf Anraten des Jaguar-Kenners Urs Haehnle, der nach kurzer Prüfung die geschichtliche Bedeutung des Wagens erkannt hatte.

Im Jahr 2002 verkaufte Pittet 885’005 an Georg Dönni von «GB Classic Cars» in Roggliswil. Dönni, einer der bestausgewiesenen Jaguar-Kenner und -Restauratoren überhaupt, war klar, dass es sich hier um ein sehr grosses Restaurations-Objekt handelte. Er brauchte einen wahren Kenner, einen Liebhaber, der die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung stellen konnte und wollte, um 885’005 wieder in den Originalzustand zu versetzen. Er fand ihn im heutigen Besitzer des Wagens, der ihn auch uns zur Verfügung stellte.

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Der Aufwand war gewaltig. Mit einigem Erstaunen wurde während der Restauration klar, dass 885’005 eigentlich als Cabriolet geplant gewesen war und erst nachträglich als Coupé karossiert wurde. Es gab noch viele andere Unterschiede zu den E-Type, die in Serie gefertigt wurden, was die Arbeiten an 885’005 nicht einfacher gestaltete. Doch 2005, rechtzeitig zum 100. Jubiläum des Genfer Salons, war der Wagen fertig – und kehrte im Rahmen einer Sonder-Ausstellung glorreich an den Ort seines ersten ruhmvollen Auftritts zurück.

.??Um es einmal so ausdrücken: Nein, es ist kein Vergnügen, diesen Wagen zu bewegen. Ganz einfach deshalb, weil man sich auf jedem Meter bewusst ist, um welch einmaliges Fahrzeug es sich bei 885’005 handelt. Nicht ausdenken will man sich, was wäre, wenn… Eigentlich hatten wir schon Hemmungen, uns überhaupt in diesen E-Type zu setzen, einfach so, in Jeans. Aber der Besitzer lacht da nur, er bewegt diesen ersten aller E-Type mit einer Ruhe und Gelassenheit, die wir auch gerne einmal erreichen würden im Leben. Er ist sich auch nicht zu schade, den E-Type wieder und wieder am Fotografen vorbei zu fahren – und er könnte stundenlang die Geschichte seines Wagens erzählen, die er bis ins letzte Detail kennt. Wir möchten uns an dieser Stelle auch höflichst dafür bedanken, dass er uns seine ausgezeichnet dokumentierten Unterlagen, aus denen wir hier fleissig in bester von und weg und zu Guttenberg’scher Manier abgeschrieben haben, überlassen hat.

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Begeisternd, auch heute noch: der Sound. Es geht halt nichts über die Geräusch-Entwicklung eines Reihen-Sechszylinders (ausser vielleicht das Blubbern eines amerikanischen V8). Das Getriebe ist wie bei allen frühen E-Type, sagen wir mal: schwierig zu handhaben. Wir wissen jetzt auch, warum das Ding als die «Crashbox» von Moss bezeichnet wird. Aber sonst ist alles von einer Pracht und einer Herrlichkeit, wie es sie heute kaum mehr gibt – auch beim Fahren ist so ein 50-jähriger E-Type so wunderbar wie er von aussen aussieht.

 

Text: Peter Ruch (Radical-Classics.com)

Peter Ruch

Peter Ruch ist seit 1966 Schweizer, lebte lange dort und und auch da, vor allem in Lateinamerika, aber jetzt im Emmental. Dort bohrt er zumeist die Löcher in den Käse - und schreibt ansonsten über Autos. Zu lesen ist das, unter anderem, auf www.radical-mag.com.