Rolls Royce Ghost - Fanaticar Magazin

Rolls Royce Ghost – Fanaticar Magazin

Internet, bitte! Dort auf: http://www.rolls-roycemotorcars.com. Dann: Ghost, dann: Choose your Ghost. Dort ein bisschen runterscrollen, dann steht irgendwo auf der rechten Seite: Configure, dann: Launch Configurator. Nehmen Sie sich ein bisschen Zeit, dann, basteln Sie sich Ihren Ghost so, wie Sie ihn wollen. Sie werden allein bei der Auswahl der Farbe schon mehr Stunden verbringen als Lothar Matthäus in der Schule. Versuchen Sie doch mal ein paar Kombinationen mit – Orange… Oder: wie viele Abstufungen von Schwarz gibt es eigentlich?

Unser Ghost war einfach: schwarz. Doch nur schon: Ghost. Welch wunderbarer Name für ein Automobil. Gut, ein Lada Ghost würde nicht funktionieren, und ein VW Ghost wäre in etwa die gleiche Lachnummer wie der Phaeton (wir meinen jetzt die Bezeichnung, nicht das Auto anundpfirsich). Aber Rolls-Royce und Ghost, das ist noch besser als Rolls-Royce und Silver Ghost, und wird eigentlich nur noch übertroffen von: Phantom. Wraith, übrigens, passt gar nicht, mag wohl Tradition haben, aber nichts Mystisches, Mysteriöses.

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Damit das klar ist: auch ein Rolls-Royce Ghost ist nur ein Auto. Vier Räder, ein Motor, bisserl Zeugs rundrum. Dies Motörchen ist natürlich vom Feinsten, V12, 6,6 Liter Hubraum, 570 PS, 780 Nm maximales Drehmoment; der Antrieb auf die Hinterräder erfolgt über eine 8-Gang-Automatik. 0 auf 100 in 4,9 Sekunden, 250 km/h Höchstgeschwindigkeit, dies elektronisch abgeriegelt. 2,45 Tonnen schwer, 5,4 Meter lang, 1,95 Meter breit, 1,55 Meter hoch. Damit wir mit den Zahlen dann endgültig durch sind: gemäss Norm ein Verbrauch von 13,6 Litern. Dort draussen, im richtigen Leben, waren es dann: mehr.

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Es ist sowas von egal, was der Rolls verbraucht, es ist auch völlig egal, wie schnell er ist. In einem Ghost fährt man nicht (und sowieso schon gar nicht: schnell): man ist. Und man ist ziemlich gut, hmm, diese Sitze, das sind mehr Sessel, aber sie sind nicht bloss bequem, sie bieten trotz ihrer Fauteuil-Üppigkeit erstaunlich viel Seitenhalt. Und doch: man thront mehr als man einfach nur banal sitzt. Und wir wagen zu behaupten: man sitzt vorne besser als hinten. Hinten ist natürlich auch sehr ok, allein schon der Zustieg, nein, das Beschreiten durch diese sich gegenläufig öffnenden Tore, sich dann fallen lassen in eine herrliche Tiefe, die Beine lassen sich quasi durchstrecken (sofern man nicht grösser ist als 1,50 Meter), aber vorne – ist der Ghost denn nun eigentlich eine Chauffeurslimo oder ein Selbstfahrerdings? Wir hatten einen Kurzen, da würden wir die Frage mit Ja beantworten.

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Wir fahren dann zum Berg, von St. Moritz (jaja…) auf den Julier. 3,3 Meter Radstand sind ja jetzt nicht unbedingt das, was man sportlich durch Spitzkehren knallen möchte, und Schnee ist sowieso rein gar nix für so ein Trumm. Aber, nachdem wir den anfänglichen Respekt vor der Masse (an Gewicht, an Kaufpreis) etwas abgelegt hatten, geht das erstaunlich flott, 570 Pferde an der Hinterachse sind halt so rein konzeptionell nicht falsch. Den Schalter, um das ESP wegzuknipsen, haben wir in der Eile nicht gefunden (wahrscheinlich gibt es ihn auch nicht), doch es dauert erstaunlich lang, bis es eingreift. Und es dauert noch erstaunlicher viel länger, bis es die Pferde dann wieder freigibt. Doch es bleibt ein Rest an der Freude am Fahren, und wie wir oben auf der Passhöhenebene an ein paar Schleichern vorbeigepflügt sind, das werden die so bald nicht vergessen. Wahrscheinlich hat ihnen der V12 auch sämtliche Luft aus dem Innenraum und den Stirnnebenhöhlen gesaugt.

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Am besten kann der Ghost natürlich: schweben. Tempomat rein, in der Schweiz bei 120+, es wird eh keiner wagen, Dich zu überholen, und vorne hauen sie sich vor lauter Respekt freiwillig in die Leitplanken, wenn hinten «Emily» mit den Flügelchen winkt. Das ist eine der ganz grossen Qualitäten des Rolls-Royce: man sieht ihm an, was er ist. Und auch die Dacia-Prius-Kia-Mobility-Piloten, die in ihrem Gefährt penetrant nur ein Transportmittel sehen wollen, spüren beim Anblick des Ghost in ihrem Innersten, dass sie etwas falsch gemacht haben in ihrem Leben, ein paar Dingens ganz massiv nicht verstanden haben. Ian Cameron, der neben dem Phantom auch den Ghost gestaltet hat, gebührt die Ehre, der erste Designer zu sein, der einen Schiffscontainer in ein Automobil umgestaltet hat, aber er hat das irgendwie schon fein, perfekt gemacht (und der Wraith ist gar seine Meisterleistung). Der Ghost ist ein Statement, ein kleineres als der Phantom, aber weit grösser, wunderbarer als eine ganze Flotte an Bentley oder S-Klassen oder A-Achtern samt Körperschützern in Q-Siebnern.

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Rolls-Royce hat sich trotz Finanzkrise und Lehmann Brothers und Euro-Schwäche und ausbleibenden Banker-Boni halten können, und das hat viel mit diesem optischen Statement zu tun – dem Mut zur obersten nur denkbaren Lücke. Der Maibock von Mercedes scharwenzelte ein paar Sommer, doch er war halt immer nur eine aufgebretzelte S-Klasse, was man ihm auch ansah, da konnte Stuttgart den Radstand noch so sehr strecken. Der Ghost ist zwar, in seinem Fundament, auch nur ein 7er-BMW, doch er sieht halt so ganz anders aus, und dort, wo es der Kunde sieht, ist nix BMW, sondern nur feinste Handarbeit aus Goodwood, vollbracht auf den Latifundien des Earl of March. Das hat BMW vielvielviel besser gemacht als Stuttgart, und auch vielviel besser als die Kombine aus Wolfsburg und Crewe, denn Bentley hat dem Rolls aber sowas von gar nichts entgegenzusetzen, dass es fast peinlich ist. Bentley ist wieder dort, wo Bentley schon immer hingehörte: deutlich unter Rolls-Royce.

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Ganz ruckfrei schaltet die 8-Gang-Automatik im Ghost nicht, auch der V-Zwölfer arbeitet durchaus vernehmlich. Und doch, selbstverständlich: da, wo der Rolls ist, ist oben, in jeder Beziehung. Die Rinder, die ihr Leben für das Rolls-Royce-Leder geben durften, haben in ihrem Leben nie ein Pferd gesehen geschweige denn eine Convenience-Lasagne; wahrscheinlich sind sie die verzogenen Kobe-Tussis unter diesen Viechern, es wird ihnen von Kubanerinnen, die früher Zigarren auf ihren jungfräulichen Schenkeln gerollt haben, die edle Struktur einmassiert. Es gibt dann auch noch ganz glückliche Schafe, die irgendwo in Nordnord-Schottland sich mit regelmässigem Whisky-Genuss einen dicken Pelz wachsen lassen dürfen, der dann in die edelsten Teppiche der Auto-Industrie verarbeitet wird; da muss man Stiefeletten tragen, sonst befuseln die Dingers die Strümpfe. Das Holz stammt, hmm, zumindest dem Aussehen nach, aus geschützten Beständen an vom Aussterben bedrohten Arten, und die Verarbeitungsqualität ist irgendwo: jenseits. Dass die Uhr einen auf mechanisch macht, aber natürlich elektrisch betrieben ist, das ist ein kleiner Schönheitsfehler, doch das ist allerorten so, es geht in einem modernen Automobil anscheinend nicht mehr anders.

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Ach, es ist nicht alles glorreich im Ghost. Hebel, Schalter, hmm. Das könnte man edler, feiner gestalten, ausarbeiten. Und die Anordnung erscheint etwas zufällig, Ergonomie geht anders. Aber haben wir eigentlich schon geschrieben, dass der Komfort grossartig ist?

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Übrigens: der eingangs erwähnte Configurator (na, wie lange haben Sie gefummelt?) wird keine Zahl ausspucken, was «Ihr» Ghost denn kosten würde, aber Sie können damit zum Rolls-Royce-Händler eilen, oder passender: schreiten, der wird es Ihnen ausrechnen – wir sind einen gefahren, der kostete irgendetwas über 350, nicht ganz so schlecht bei einem Basispreis von 240’000 Euronen.

Text: Peter Ruch
Fotos: Radical Mag

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Peter Ruch

Peter Ruch ist seit 1966 Schweizer, lebte lange dort und und auch da, vor allem in Lateinamerika, aber jetzt im Emmental. Dort bohrt er zumeist die Löcher in den Käse - und schreibt ansonsten über Autos. Zu lesen ist das, unter anderem, auf www.radical-mag.com.