Fiat 500l - Fanaticar Magazin

Fiat 500l – Fanaticar Magazin

Noch immer löst die Erscheinung des Fiat 500L ein gewisses Kopfschütteln aus, man sieht immer wieder, dass ihn sich jemand genauer anschaut und dann einigermassen ratlos von dannen schreitet. Es fehlt uns so ein klein wenig Verständnis dafür, eine klassische Schönheit ist der Italiener auf den ersten Blick vielleicht tatsächlich nicht, doch Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters, und zweitens kennen wir das ein bisschen von Fiat. Jaja, alle denken dann gleich an den vergangenen Multipla, also vor allem jenen, der von 1999 bis 2004 gebaut wurde, und der 500L ist ja auch ein so genanntes MPV. Ein bisschen vergessen geht dabei, dass der originale 600 Multipla, gebaut zwischen 1956 und 1965 und heute ein absolutes Kult-Objekt, in seiner Zeit auch nicht gerade geliebt worden war. Und überhaupt, beim Mini Countryman, der ebenfalls über eine sehr hohe Seitenlinie und dem 500L so ein bisschen ähnelt, hat sich kaum jemand je über das Design beklagt.

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Wir empfinden den 500L als durchaus gelungen, auch optisch. Oh nein, wir verstehen die Bezeichnung auch nicht, mit dem aktuellen 500er hat der 500L so ziemlich rein gar nichts zu tun, er basiert, technisch, auf dem Punto, und optische Zusammenhänge sehen wir keine. Fiat sagt, dass es darum gehe, die Familie des 500er zu erweitern, der sei jetzt fünf Jahre am Markt und brauche, auch weil er so erfolgreich sei, dringend Zuwachs. Denn die jungen Kunden hätten unterdessen geheiratet und ganz viele Kinder und überhaupt – erstaunlich, was da draussen im Leben in nur fünf Jahren alles passieren kann. Ja, es geht hier ganz einfach um Marketing, 500 verkauft sich sicher besser als Punto, denn so müsste er eigentlich heissen, weil er auf der Punto-Plattform basiert und auch acht Zentimeter länger ist als ebendieser. Giardiniera hätte vielleicht besser gepasst, sowas gab es vom legendären 500er ja auch schon, aber Fiat hat sich für 500L entschieden. L wie «large», ein typisch italienisches Wort.

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Doch wir müssen von ganz anderen Dingen schreiben, beim Fiat 500L, den inneren Werten. Er ist 4,15 Meter lang, 1,78 Meter breit und 1,67 Meter hoch. Dabei bietet er ein Kofferraumvolumen von mindestens 343 Liter, wenn die hintere Bank ganz nach hinten geschoben wird, und maximal 1310, wenn die Rücksitzbank nach vorne geklappt wird (was übrigens dann einem wohl beim Chrysler Voyager abgeschauten Mechanismus mit einer Hand sowie spielend funktioniert). Er besteht den Ikea-Test, sprich: es lassen sich auch 2,4 Meter lange Objekte transportieren (wenn der Beifahrersitz auch noch abgeklappt wird). Der Kofferraum lässt sich zudem mit einem ebenfalls ganz simplen System bestens unterteilen. Es gibt dazu noch 22 weitere Ablagemöglichkeiten – und eine Kaffeemaschine, die Lavazza extra für den 500L entwickelt hat.

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Die Sitzposition ist hoch, so hoch, dass man einen ähnlich guten Überblick hat wie in einem SUV, aber doch nicht so hoch, dass man ins Auto klettern muss – man setzt sich einfach rein. Die Sitze sind anständig – und was man vor sich sieht, das ist nicht eine simple Fortsetzung des coolen, coolen Innenlebens des 500ers, sondern: verspielter. Und deshalb nicht mehr ganz so cool. Doch Fiat wollte einen 5-Zoll-Touchscreen integrieren, und solche Dinger sind halt einfach dominant. Es sieht nicht schlecht aus, doch irgendwie mehr nach Plastik als im 500er. Die Ergonomie ist aber – auch dank Touchscreen – mehr als nur anständig, da macht Fiat jetzt richtig schnell Fortschritte. Haptisch könnte das alles noch ein wenig edler sein, doch andererseits: der 500L will (und wird) ein Familienauto sein, und da sind die Ansprüche etwas anders als in einem Audi A7. Grossartig ist die Übersicht, die A-Säule ist zweigeteilt und lässt auch freien Blick schräg nach vorne zu, auch sonst ist die Verglasung ausserordentlich grosszügig, vor allem, wenn man auch noch das riesige Panorama-Dach bestellt.

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Fahren tut sich der 500L ebenfalls ganz anständig. Gut, die Ansprüche sind nicht sehr hoch, der Italiener ist kein Rennwagen und auch keine Luxus-Kutsche. Das Fahrwerk ist nett, auch auf schlechten Strassen nicht unkomfortabel, die Lenkung präzis. Was uns ausgesprochen gut gefallen hat: es herrscht eine wirklich erfreuliche Ruhe im 500L. Keine Windgeräusche, auch vom Motorenlärm fühlt man sich entkoppelt. Der hohe Aufbau macht sich auch nicht negativ bemerkbar, auch in schneller gefahrenen Kurven spürt man kaum Seitenneigung.

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Nicht so sehr begeistert sind wir allerdings von den verfügbaren Motorsierungen. Es gibt selbstverständlich wieder dieses Twinair-Aggregate mit 0,9 Liter Hubraum und zwei Zylinderchen, das leistet hier aber nicht mehr 85, sondern 105 PS. Im aber mindestens 1,3 Tonnen schweren 500L kommt dies Ding nun aber endgültig an seine Grenzen; es braucht einfach hohe Touren, um anständig in Fahrt zu kommen, und das, obwohl das maximale Drehmoment von 145 Nm eigentlich schon bei 2000/min anliegt. Doch das ist genau das Problem von diesem «downsizing»: auf dem Papier sieht das wunderbar aus, in der Realität – nicht. Das wird auch beim Verbrauch so sein, die 4,8 Liter, die Fiat für den «twinair»-500L angibt, sind ein Phantasiegebilde.

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Gefahren sind wir auch noch den 1,2-Liter-Multijet-Diesel mit 85 Pferden und einem maximalen Drehmoment von 200 Nm bei 1500/min. Der Selbstzünder erscheint uns bedeutend passender zum Charakter des 500L – aber er ist ein Schlafsack. Er will nur gerade 4,2 Liter verbrauchen auf 100 Kilometern – und trotzdem würden wir dringend empfehlen , auf den 1,6-Liter-Diesel mit 105 PS zu warten, der allerdings dann erst Anfang 2013 auf den Markt kommt. Dann wird es übrigens auch eine Gas-Variante geben.

Den 500L wird es im Herbst in der Schweiz zu kaufen geben. Die Schweizer Preise stehen noch nicht fest, doch man darf von einem Kampfpreis ausgehen – in Italien gibt es den cleveren Fiat schon ab 15’500 Euro.

 

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So, jetzt müssen wir aber auch noch ein paar Worte verlieren zur Situation von Fiat, für die der 500L ein ausgezeichnetes Beispiel ist. Ja, die Italiener schiessen mit diesem Modell eigentlich den erst gerade erneuerten Punto ab – es gibt, ausser stärkeren Motoren, keinen Grund mehr, den Polo-Konkurrenten zu kaufen. Und den Bravo, der ganz theoretisch gegen den Golf antreten sollte und auch nur noch 20 Zentimeter länger ist als der 500L, aber innen viel weniger Platz bietet, kann man ja sowieso rauchen. Es ist aber eine Tragödie, dass Fiat, der Kleinwagen-Hersteller par excellence, im B- sowie im C-Segment eigentlich nicht mehr vertreten ist – die Italiener müssen von der 500er-Familie (zwei Modelle) und dem Panda leben, und das ist alles andere als einfach, denn je kleiner die Kisten, desto geringer die Margen.

 

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Kein Wunder also, dass Fiat in Europa derzeit in erster Linie Geld verbrennt. Dass die Rechnung trotzdem positiv ausfällt, das liegt an Chrysler in Nordamerika – und in erster Linie an Fiat in Südamerika. Dort wird auch das Geld verdient, dass es den Italienern ermöglichen soll, in China endlich einen Fuss auf den Boden zu bringen. Erst kürzlich wurde ein Werk in Betrieb genommen, das 300’000 Fahrzeuge pro Jahr produzieren kann. Es werden dies in erster Linie Fiat Viaggio sein, ein Stufenheck-Modell, das es glücklicherweise nie nach Europa schaffen wird. Das Ding basiert auf der Plattform des Alfa Giulietta, wie ja auch der neue Dodge Dart; es ist davon auszugehen, dass ein Bravo-Nachfolger, der unbedingt dringend sofort kommen muss, auf dem gleichen Fundament stehen wird. Doch Fiat-Chef Marchionne sagt, dass er nur das Geld ausgibt, das er verdient – es könnte also noch etwas dauern.

 

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Als rosig mag man die Zukunft von Fiat nicht bezeichnen. Und doch – gerade der 500L beweist unserer bescheidenen Meinung nach bestens, dass die Italiener auf dem richtigen Weg sind. Es wird nicht so sein, dass dieser Wagen an der Verkaufsfront abgehen wird wie Pressluft, doch mittelfristig ergibt das alles Sinn: Fiat baut sich von unten her ein solides Fundament auf. Denn während quasi alle anderen Hersteller nur noch Premium, jung, dynamisch, erfolgreich, progressiv, sexy sein wollen, arbeiten die Italiener am «wahren» Leben, in dem es auch Kinder gibt, Arbeit, Einkaufslisten, Ikea-Möbel, Grill-Abende, Fussball am Fernsehen, Schweissfüsse – was ja für eine Mehrheit der Menschheit gilt.

Text: Peter Ruch (Radical Mag)
Fotos: Fiat AG