Am heutigen Tag, also dem 24 August, feiert die Ukraine zum mittlerweile 27. Mal den Tag der Unabhängigkeit. Genug um sich das Land mal etwas genauer anzuschauen und zwar außerhalb aller beliebter Urlaubs-Hotspots westlich der Hauptstadt Kiew.

Kopfhörer von Teufel, Rucksack von Qwstion und natürlich unser Jeff

Beim Landeanflug auf Kiew empfängt einen der Charme einer Legostadt. Nein, ehrlich- in Sachen „Hochhäuser bauen“ sind die Ukrainer visuell sehr pragmatisch veranlagt. Ein Gebäude gleicht dem anderen. Doch wir werden später raus finden, dass Kiew viel mehr zu bieten hat.

Ankunft Kiew – Telefonkosten – Taxi

Trotz aller Bemühungen ist die Ukraine bis heute noch kein Teil von Europa. Bedingt durch das Schengener Abkommen gibt es dennoch keine großen Probleme mit der Einreise, sofern ein gültiger Reisepass vorhanden ist. Somit sind Europäer bis zu 90 Tage im Halbjahr von der Visumspflicht entbunden.  (Quelle: Auswärtiges Amt)


Direkt bei der Landung erfreut mich die Telekom mit einer boshaften SMS, dass wir nun in der Ländergruppe 3 gelandet sind, was bei ausgehenden Anrufen mit knapp 3 Euro pro Minute belohnt wird. Wer also nicht nicht gerade Krösus ist macht sich schnell auf die Suche nach einer Prepaid-Karte.

Zu den Big-Sellern in der Ukraine gehören Vodafone und Lifecell. Wir besorgen uns eine Prepaid-Karte von Vodafone mit 8 GB Datenvolumen für gerade mal drei Euro. Die Aktivierung erfolgt problemlos und ohne Wartezeit vor Ort und kurz darauf darf unser Netgear LTE Router unsere Smartphones wieder mit Daten füttern. Dank Skype und WhatsApp sind nun keinerlei Probleme mehr vorhanden was das Telefonieren in die Heimat angeht.

Grundsätzlich darf man sagen, dass die Netzabdeckung in der Ukraine um einiges besser ist als im ach so fortschrittlichen Deutschland. Selbst in ländlichen Gegenden wurde so gut wie immer im schnellen LTE Modus gesendet. Bedenkt man, dass die Ukraine fast doppelt so groß ist wie Deutschland und die Einwohnerzahl mit 42 Millionen fast die Hälfte weniger beträgt – ein Armutszeugnis für Deutschland.

Auf der ganzen Welt schon ein treuer Begleiter gewesen – Die Netgear AirCard 810

Nachdem wir uns also endlich wieder im Land der Telekommunikation befinden, geht es mit dem Taxi zu unserem Reisemobil. Taxis können hier sehr entspannt via App bestellt werden ebenso ist UBER in Kiew sehr populär. 

Renault Megane Grand Coupe – Unser Reisemobil

Kurz darauf erreichen wir unser Ziel wo uns schon der Renault Megane Grand Coupé empfängt. Das ist insofern besonders, weil diese Variante aufgrund von wenig Interesse in unseren Breitengraden nicht angeboten wird. Wir stehen halt mehr auf Kombis und Hatchbacks- mit kompakten Limousinen sind wir in den Verkaufszahlen scheinbar auf dem Kriegsfuss.

Rein vom praktischen betrachtet unverständlich, schluckt der Kofferraum unsere zwei großen Reisekoffer plus Handgepäck doch einfach mal so mit einem lässigen Achselzucken. 

Schaut man sich den Megane Grand Coupé genauer an, wirkt er durchaus harmonisch und durchdacht. Einzig stören könnte man sich an den kleinen Standardfelgen in den Radkästen die der dynamischen LED-Front nicht ganz gerecht werden. Aber das lässt sich ja optional beheben. 

Allgemein ist die LED-Spielerei von Renault faszinierend. Wenn der Megane Grand Coupé von hinten anrauscht wirkt er besonders im Dunkeln deutlich größer als er eigentlich ist. Auch das Heck überzeugt hier mit seiner breiten LED-Signatur. 

Auf gehts… 

Wir nehmen Platz in den gemütlichen Sitzen des Megane Grand Coupé. Das Handy ist dank zweier gut zu erreichender USB Ports schnell angeschlossen. Leider war Apple Car Play in diesem Fahrzeug nicht verfügbar, gegen Aufpreis ist es aber mit R-Link 2 genauso wie Android Auto nutzbar. 

Das hochauflösende und großzügig dimensionierte Display ist individuell anpassbar und präsentiert sich ähnlich wie ein Smartphone im Hochformat. Bis auf ein, zwei Unstimmigkeiten hat sich das System über den gesamten Testzeitraum aber absolut bewährt. 

Knapp über 300 Kilometer gilt es nach Sumy in der Ostukraine zu fahren. Mir kamen schon die skurrilsten Aussagen über die Straßenzustände vor Ort zu Ohren, aber innerhalb von Kiew und auch auf der Autobahn ist davon nur wenig zu spüren.

 Erst als wir von der Autobahn abfahren und die letzten 140 Kilometer auf einer Landstraße verbringen, sind wir froh über die die gute Lichtverteilung der LED-Scheinwerfer, welche uns vor dem einen oder anderen ungewollten Tiefgang bewahrt. Im Innenraum werden wir mit harmonischer Ambientbeleuchtung verwöhnt, die sich farblich anpassen lässt. 

Kofferaumvolumen satt!!!

Unter der Haube wütetet, brüllt, faucht ein 1,2 Liter Turbo Vierzylinder der bei Bedarf bis zu 130 Pferde auf die Vorderachse transferiert. Damit stellt das Grand Coupé zwar keine Geschwindigkeitsrekorde auf, aber ein flottes Voranschreiten ist dennoch gewährleistet.

Die Einparkhilfe funktioniert tadellos

Während der Fahrt danken wir dem Franzosen für das komfortabel abgestimmte Fahrwerk, welches unsere Bandscheiben weitestgehend heile gelassen hat. Zum Glück haben wir hier keinen Sportwagen, denn die haben auf dieser Straße definitiv keine Freude.

Aber auch sonst sollten Autos hierzulande eine robuste Seele haben. Kein Wunder, dass gerade Länder wie Russland, China oder die Ukraine so auf SUV abfahren. Doch unser Franzose meistert seine Sache souverän und nach etwas über drei Stunden erreichen wir endlich unser Ziel.

Sumy

Die 1652 gegründete Stadt liegt direkt am Psel in der Ostukraine und war in ihren Anfängen eine Festung. Sumy ist vorwiegend als Industriezweig und Universitätsstadt bekannt.

Es ist eine Stadt die fernab jeglicher Touristik liegt und somit interessant für alle, die die Seele der Ukrainer unverfälscht kennenlernen wollen. Allgemein ist die Ostukraine kein Mekka für Sightseeingfreaks. Dafür bietet sich eher der Westen an allen voran Orte wie Odessa und Lviv.


Dennoch hat die 270.000 Einwohner Stadt ein paar charmante Punkte, die sie interessant machen. Das Stadtzentrum verwöhnt das Auge mit alter Architektur, der nahegelegene See verführt sowohl zum Baden als auch einfach nur zum chillen und einkaufen macht hier aufgrund der günstigen Preise zumindest aus deutscher Sicht richtig Spaß.

Der Flughafen in Sumy hat seine besten Tage hinter sich…

Die ukrainische Küche ist sehr lecker und ein Besuch in ein typisches Restaurant gehört zur absoluten Pflicht. Absolut empfehlenswert ist hier ein Besuch im Kozatska Brovarnya. Das Restaurant ist sehr geschmackvoll eingerichtet und die Gerichte sind ein echter Genuss.

Für den Snack zwischendurch lohnt sich dagegen ein Besuch im mehrfach ausgezeichneten New York Street Pizza, die eine breite Palette an schnell zubereiteten Gerichten anbieten. Auch einen Besuch wert sind Lviv Chocolate und McWaffle.

Das wahre Highlight in Sumy ist allerdings das Steakrestaurant Sazha. Modern aber dennoch gemütlich eingerichtet fühlt man sich schon direkt auf den ersten Blick wohl. Das Fleisch ist grandios, das Tatar ist eine absolute Pflicht als Vorspeise.

Ebenfalls sehr empfehlenswert ist der Black Angus Burger. Dieses Restaurant braucht sich definitiv vor keinem europäischen Tophaus zu fürchten – es spielt ganz oben mit. Der Clou dabei: Ein volles Menu für vier Personen mit allen drum und dran… und damit ist wirklich alles gemeint… kostete uns am Ende 30 Euro.

Bei so viel Völlerei ist die Plauze nicht weit weg. Damit die Kilos sich nicht anheften lohnt ein Besuch im Gym. Wir haben es uns in der Woche im B-Tone gemütlich gemacht und waren extrem begeistert. Freundliches Personal, aufmerksame Trainer, ordentliche Geräte ein Outdoor Bereich und ein stimmiges Raumkonzept sorgten jeden Tag für die Motivation die der Vernichtung eines Sazha Steaks dringend förderlich ist.

Einmal Lada fahren

Der Renault blieb über die Tage übrigens weitestgehend unangetastet, damit wir uns mit mit einer echten Legende befassen konnten – Lada. Genauer gesagt ein Lada Samara 1300s Dreitürer. Zwar hat der Kleine nur 53 PS und vier Gänge aber als Federgewicht (900 Kilogramm „Leermasse“) geht es auch hiermit flott voran. ABS? Servolenkung? Airbag? Muhahaha…. Hier kam echte russische Werksarbeit zum Einsatz mit Spaltmaßen die selbst Moses imponiert hätten.

Auf den Scheinwerfern prangert noch das UDSSR Logo und im Handschuhfach erfreut uns eine barbusige Schönheit. Herrlich! Wenn einmal der Shoke seinen Dienst vollbracht hat, stürmt der kantige Lada erstaunlich flott voran. Es stellt sich raus, dass der Samara gerade auf den oftmals schlecht ausgebauten Straßen vor Ort ein erstaunlich guten Komfort offenbart. 

Das der Russe dabei so heftig scheppert und klappert, dass man denkt jede einzelne Schraube löst sich gleich aus der Verankerung, spielt dabei keine Rolle. Kurven werden hingegen schnell mit einem Untersteuern beantwortet- also belassen wir es bei den Geraden.

Interessanterweise wurde genau unser Modell auf den europäischen Markt abgestimmt was ein Blick in die deutsche Bedienungsanleitung offenbart. Und schnell wird auch klar warum die Jungs im Osten alle so gut im Reparieren sind: das Handbuch ist quasi eine einzige Bedienungsanleitung. Hier kann fast alles noch selbst gemacht werden. 


Zurück nach Kiew 

Doch alles hat mal ein Ende und so fahren wir nach einer Woche Sumy, wohlgenährt und doch fit wie ein Turnschuh zurück nach Kiew. Über Tag wirkt die Landstraße nicht ganz so bedrohlich aber man muss trotzdem die Augen aufhalten. Ob nun Kühe, Hunde oder Hühner… auf diesen Straßen muss man mit allem rechnen.

Interessantes Detail am Rande: Wer mit seinem Auto einem Huhn das Leben aushaucht, fährt zum Bauern und erstattet ihm diesen. Das ist keine Pflicht aber gehört zum guten Ton. 

Ankunft

Komfortabel durchgeschüttelt erreichen wir unser spontan gebuchtes Hotel „Frehat“ auf der Insel Truchaniw um die der Dnepr fließt. Die Zimmer haben den Charme von kleinen Holzhütten und liegen direkt am Wasser.

Unglücklicherweise hatte eine Party-Horde auch die glorreiche Idee im selben Hotel zu nächtigen. Sehr zum meinem Leidwesen, denn Schlaf war hier ein Luxusgut. Immerhin stand unser treuer Franzose sicher verwahrt auf einen überwachten abgesperrten Parkplatz. Man weiß ja nie.

Renault Megane Grand Coupe

Wer von der vergleichsweise kleinen Stadt Sumy nach Kiew kommt merkt sofort dass hier die Zeit deutlich schneller verläuft. Kein Wunder denn immerhin fasst die Stadt knapp 3 Millionen Einwohner und ist somit gleichauf mit Berlin. Derzeit regierender Bürgermeister ist der ehemaliger Boxweltmeister Vitali Klitschko.

Schon die Fahrt in die Stadt hat es in sich. Kiew hat eine Vielzahl Kirchen und Klöstern zu bieten von denen der Großteil mit goldenen Dächern bestückt ist. Deswegen wird Kiew auch gerne als die Stadt der goldenen Kuppeln genannt. Unbedingt sehenswert ist hierbei das Höhlenkloster Lavra und die Sophienkathedrale. Beide Gebäude stehen seit 1990 unter dem Schutz der Unesco und gelten als Weltkulturerbe.

Doch wirklich interessant wird es rund um dem Andreassteig. Diese älteste Straße der Stadt ist ein Treffpunkt für kreative und kunstbegeisterte Menschen. Weiter unten am Wasser blühen die Kiewer am Wochenende richtig auf, da dort ganze Abschnitte abgesperrt werden und somit lässig über die Straße geschlendert werden darf. Die Auswahl an Restaurants und deren Speisen ist dabei riesig.

Natürlich haben wir in zwei Tagen keine Zeit gehabt uns alles anzuschauen, jedoch können wir zwei drei Tipps mit auf den Weg geben.

LVIV CROSSAINTS


Der Name sagt es schon. Die Giganten-Crossaints haben ihren Ursprung eigentlich in Lviv sind aber im ganzen Land verbreitet und beliebt. Der Kunde hat die Wahl zwischen süßen und herben Crossaints deren Kalorienzahl wir lieber nicht wissen möchten.

Mehr Infos…

BLUR

Ein wenig Nerdy drauf? Das Handy ist quasi schon in der Hand eingewachsen? Instagram ist Lebensbestandteil? Super – dann wird man im Blur sofort glücklich. Das trendige Cafe wirkt wie eine perfekt durchdachte Social Media Ecke, die für jeden den optimalen Fotospot bereitstellt.

Dazu gibt es Frühstück, welches selbstverständlich auch so kreativ verziert ist, dass der Hashtag #Foodporn nicht fehlen darf. Ach ja … schmecken tut es auch noch verdammt gut.

RUKKOLA

Wer nach einer harten Einkaufstour Lust auf eine gute italienische Küche hat wird sich im Rukkola in der Khreshchatyk Straße wohl fühlen. Zwar dauert die Zubereitung der Pizza etwas dafür schmeckt sie aber wirklich top.

KATYSHA

Das Katysha lockt mit einer urigen Umgebung im Stil der 60er Jahre. Flachbildfernseher im Stil eines alten Röhrenfernseher strahlen alte Filme aus, aus den Lautsprechern schallt Musik aus der guten alten Zeit des Rock’n’Roll. Wer gute ukrainische Küche in einer besonderen Atmosphäre erleben möchte ist hier genau richtig. 

Tja…! Allzuviel können wir von unseren Rückfahrt nach Kiew nicht mehr erzählen – dafür fehlte einfach die Zeit. Außer einem durchaus empfehlenswerten Besuch im Pinchuk Art Centre haben wir unsere Füße mit dem ablaufen der üblichen Touristen Hot-Spots gequält nur um sagen zu können… joa- da war ich schon. Aber es wird nicht der letzte Besuch gewesen sein und nächstes mal können wir hoffentlich mehr aus der Sicht eines Insiders berichten.

Mein erster Trip in die Ukraine hat sich als sehr spannend herausgestellt. Die Kultur des Landes ist sehr interessant und die Menschen freundlich eingestellt. Die paar Muffel, die uns begegnet sind, findest du in jedem Land. Fakt ist aber, dass dieses Land unglaublich spannend ist und der nächste Roadtrip auf jeden Fall deutlich intensiver werden wird- dann aber bevorzugt in einem SUV. Wir sehen uns wieder!!!

Text: Mario-Roman Lambrecht
Fotos: marioroman pictures

Mario-Roman Lambrecht

Journalist, Fotograf bei MarioRoman Pictures
Mario-Roman Lambrecht wurde 1980 in Niedersachsen geboren und wuchs in Nordrhein- Westfalen auf. Seit 2000 lebt er in der Hansestadt Hamburg, wo er fortan seinem Beruf als freier Fotograf und Autojournalist nachgeht.