Der neue Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé markiert einen radikalen Richtungswechsel bei Mercedes-AMG. Mit bis zu 1.169 PS (860 kW), 2.000 Nm Drehmoment, 300 km/h Höchstgeschwindigkeit und einer Ladeleistung von bis zu 600 kW greifen die Affalterbacher erstmals ernsthaft die neue Generation elektrischer Hochleistungsfahrzeuge aus China und den USA an. Technisch ist das Datenblatt beeindruckend. Emotional dürfte das Fahrzeug jedoch deutlich kontroverser diskutiert werden.

Lange Zeit wirkte Mercedes im Elektro-Performance-Segment erstaunlich defensiv. Während primär chinesische Hersteller zunehmend extreme Leistungswerte, moderne Plattformen und aggressive Ladeleistungen präsentierten, schien Mercedes oft irgendwo zwischen EQS-Komfortzone und Design-Experimenten festzustecken. Genau hier soll der neue AMG GT 4-Türer nun die Wende bringen.

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Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé MY26 electric

Denn auf technischer Ebene liefert Mercedes diesmal tatsächlich ab. Drei Axialflussmotoren erzeugen im GT 63 bis zu 1.169 PS (860 kW). Der Sprint von 0 auf 100 km/h gelingt in 2,4 Sekunden, 0 auf 200 km/h in 6,8 Sekunden. Gleichzeitig verspricht Mercedes bis zu 696 Kilometer WLTP-Reichweite und eine maximale DC-Ladeleistung von 600 kW. Zehn Minuten Ladezeit sollen bereits für rund 460 Kilometer Reichweite reichen. Damit bewegt sich Mercedes erstmals wirklich auf Augenhöhe mit den derzeit technologisch aggressivsten Elektrofahrzeugen weltweit.

Auch fahrdynamisch fährt Mercedes massiv auf. Hinterachslenkung, Torque Vectoring, aktive Aerodynamik, aktive Fahrwerksregelung, semiaktive Wankstabilisierung und eine aufwendige Kühlarchitektur sollen dafür sorgen, dass die über 2,4 Tonnen schwere Limousine nicht nur brutal beschleunigt, sondern auch dauerhaft performen kann. Genau dort hatten viele Elektrofahrzeuge bislang ihre Schwächen.

Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé MY26 electric

Mercedes versucht dabei ganz offensichtlich, die klassische AMG-Kundschaft emotional mitzunehmen. Das zeigt sich vor allem beim künstlich erzeugten V8-Erlebnis. Mit dem Fahrprogramm AMGFORCE S+ simuliert das Fahrzeug Schaltvorgänge, Vibrationen und sogar einen digitalisierten AMG-V8-Sound. Dafür wurde laut Mercedes sogar ein echter AMG GT R akustisch vermessen. Das klingt auf dem Papier fast schon absurd, zeigt aber gleichzeitig sehr deutlich, wie groß die Angst ist, die eigene Kundschaft beim Wechsel zur Elektromobilität emotional zu verlieren. Aber: Erste Videos zeigen bereits, dass der Sound nach wie vor viel zu künstlich wirkt.

Hier beginnt das eigentliche Problem des Fahrzeugs. Denn technisch mag der neue AMG GT 4-Türer beeindruckend sein. Optisch wirkt er dagegen erstaunlich orientierungslos. Mercedes scheint beim Design derzeit krampfhaft zu versuchen, modern und futuristisch zu wirken und verliert dabei zunehmend die eigene Markenidentität.

Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé MY26 electric

Besonders deutlich wird das an der Front. Die neue Trennung zwischen angedeutetem Kühlergrill und darüberliegenden Lichtgrafiken erinnert inzwischen eher an aktuelle chinesische Elektrofahrzeuge als an klassische Mercedes-AMG-Modelle. Dazu kommen die inzwischen fast inflationär eingesetzten Stern-Grafiken in den Scheinwerfern und Leuchten. Was ursprünglich einmal wie ein nettes Detail wirkte, entwickelt sich zunehmend zum Design-Gimmick ohne Charakter.

Noch problematischer wird die Seitenlinie. Die Silhouette erinnert massiv an Porsche, speziell an Taycan und Panamera. Gleichzeitig verliert das Fahrzeug dadurch seine Eigenständigkeit. Früher erkannte man einen AMG oft sofort. Der neue GT 4-Türer könnte dagegen problemlos auch als chinesischer High-Performance-Stromer durchgehen.

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Am deutlichsten wird die Identitätskrise allerdings am Heck. Dort wirkt das Fahrzeug fast wie eine Mischung aus Maserati, Nissan Z und diversen aktuellen Elektro-Limousinen. Die Rückleuchten versuchen zwar Eigenständigkeit zu erzeugen, wirklich ikonisch wirkt das Gesamtbild aber nicht. Besonders die durchgehende Lichtinszenierung an Front und Heck dürfte viele traditionelle AMG-Fans eher abschrecken als begeistern.

Und genau das macht das Fahrzeug so interessant. Der neue AMG GT 4-Türer ist vermutlich das technisch mutigste Elektroauto, das Mercedes bislang gebaut hat. Gleichzeitig ist es aber auch eines der Fahrzeuge, bei denen man sich am stärksten fragt, ob Mercedes aktuell überhaupt noch genau weiß, wie ein Mercedes eigentlich aussehen soll.

Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé MY26 electric

Im Innenraum setzt Mercedes den futuristischen Kurs konsequent fort. Große Displays, ein stark digitalisiertes Cockpit, KI-Integration mit ChatGPT und Google Gemini sowie zahlreiche Ambientelicht-Inszenierungen sollen den technologischen Anspruch unterstreichen. Gleichzeitig wirkt das Interieur stellenweise fast schon überladen.

Besonders die Mischung aus riesigen Bildschirmflächen, Lichtanimationen, Stern-Grafiken und künstlicher V8-Inszenierung erinnert eher an ein Technik-Showcar als an einen klassischen AMG. Hochwertig wirkt das Ganze ohne Frage. Die klare, kompromisslose Sportwagen-Atmosphäre früherer AMG-Modelle geht dabei allerdings zunehmend verloren.

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Der Markt dürfte entsprechend schwierig werden. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Porsche bleibt emotional extrem stark positioniert. Xiaomi sorgt mit aggressiven Preisen und brachialen Leistungsdaten für Aufmerksamkeit. Lucid gilt weiterhin als Technologieträger. Und chinesische Hersteller holen beim Thema Premium-Anmutung inzwischen massiv auf.

Mercedes versucht nun, alles gleichzeitig zu sein. Luxuslimousine, Hyper-EV, AMG, Technologie-Showcase und V8-Ersatz. Genau darin könnte allerdings auch das Risiko liegen. Denn während die technischen Daten nahezu absurd stark wirken, fehlt dem Fahrzeug ausgerechnet das, was viele klassische AMG-Modelle früher ausgezeichnet hat: eine klare eigene Persönlichkeit.

Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé MY26 electric

Der neue Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé zeigt damit exemplarisch die aktuelle Situation der deutschen Premiumhersteller. Technologisch kann man inzwischen wieder angreifen. Beim Design und bei der Markenidentität scheint man dagegen noch immer auf der Suche nach sich selbst zu sein.

Fanaticar Magazin | Fotos: Mercedes-Benz