Mit Forza Horizon 6 erfüllt Playground Games endlich einen der größten Wünsche der Community. Seit Jahren stand Japan ganz oben auf der Wunschliste der Fans. Nun verschlägt es die Open-World-Rennspielreihe erstmals zwischen Tokio, Touge-Pässe, Industriegebiete, Küstenstraßen und ländlichen Regionen.
Da ich selbst bereits mehrfach in Japan unterwegs war und viele der Fahrzeuge im echten Leben fahren durfte, trifft mich Forza Horizon 6 natürlich noch einmal auf einer deutlich persönlicheren Ebene. Genau deshalb achtet man plötzlich auf Dinge, die vielen Spielern vermutlich gar nicht auffallen würden. Wie sich Tokio nachts anfühlt. Wie chaotisch Shibuya eigentlich sein müsste. Oder warum Daikoku ohne komplizierte Autobahnauffahrt irgendwie nicht ganz wie Daikoku wirkt.

Nach den ersten Stunden wird schnell klar: Forza Horizon 6 ist deutlich mehr als nur Forza Horizon 5 mit neuer Karte. Playground Games hat verstanden, warum Fans seit Jahren nach Japan wollten. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass nicht jede Chance konsequent genutzt wurde.
Schon die ersten Fahrten machen deutlich, wie viel Wert die Entwickler diesmal auf Atmosphäre gelegt haben. Die Welt wirkt dichter, abwechslungsreicher und glaubwürdiger als im Vorgänger. Besonders außerhalb Tokios entfaltet das Spiel seine größten Stärken. Kurvige Bergstraßen, enge Touge-Pässe und lange Autobahnabschnitte erinnern spürbar an Initial D, Wangan Midnight oder klassische Midnight-Club-Momente. Die Landschaften bleiben dabei angenehm realistisch. Nicht zu bunt, nicht künstlich überzeichnet, sondern deutlich natürlicher als viele andere Open-World-Racer.

Tokio selbst gehört gleichzeitig zu den beeindruckendsten und enttäuschendsten Bereichen des Spiels. Die Stadt ist riesig, voller Tunnel, Stadtautobahnen und enger Nebenstraßen. Trotzdem fehlt der Metropole stellenweise das echte Großstadtgefühl. Für eine Stadt mit über 30 Millionen Einwohnern hätte man sich deutlich mehr Verkehr, mehr Lichtquellen und generell mehr Chaos gewünscht. Viele Straßen wirken nachts fast zu sauber und zu leer.
Warum Shibuya nicht wie Shibuya wirkt
Besonders auffällig wird das am berühmten Shibuya Crossing. Wer selbst schon einmal dort war, verbindet den Ort mit Menschenmassen, Hektik, Neonlichtern und kompletter Reizüberflutung. Genau diese Atmosphäre kann Forza Horizon 6 leider nur teilweise einfangen. Ohne das typische Gedränge wirkt die weltberühmte Kreuzung stellenweise fast wie eine normale Innenstadtkreuzung mit hübscher Beleuchtung. Technisch beeindruckend gebaut, atmosphärisch aber überraschend steril.

Daikoku verliert etwas von seiner Magie
Ähnlich zwiespältig fällt die Umsetzung der berühmten Daikoku Parking Area aus. Der ikonische Treffpunkt wurde optisch gelungen integriert und dürfte schnell zum Community-Hotspot werden. Gleichzeitig fehlt etwas die spezielle Atmosphäre des Originals. Im echten Leben erreicht man Daikoku fast ausschließlich über komplizierte Autobahnverbindungen. Genau dieses Gefühl eines schwer erreichbaren Mitternachts-Treffpunkts geht hier etwas verloren, weil die Area beinahe direkt neben normalen Stadtteilen liegt.
Dafür profitieren die Rennen enorm vom neuen Setting. Die klassischen Festival-Rennen bleiben fair und zugänglich, während die Street-Races aggressiver und härter ausfallen. Gegner fahren kompromissloser, Verkehr wird stärker eingebunden und Fehler werden schneller bestraft. Besonders nachts entsteht dadurch eine Intensität, die den Vorgängern teilweise gefehlt hat. Persönliches Highlight bleibt bislang das völlig absurde Rennen gegen eine Gundam-Variante mitten in Tokio. Genau in solchen Momenten zeigt die Reihe weiterhin ihre große Stärke. Forza Horizon 6 kombiniert japanische Auto-Kultur mit überdrehter Arcade-Action, ohne sich dabei zu ernst zu nehmen.
Driften spielt endlich eine größere Rolle
Gleichzeitig erweitert Playground Games das bekannte Horizon-Prinzip um neue Spielmodi und legt deutlich mehr Fokus auf japanische Car Culture. Neben klassischen Straßenrennen, Dirt-Races und Cross-Country-Events rückt besonders das Driften diesmal stärker in den Mittelpunkt. Die engen Touge-Pässe und technischen Bergstraßen wirken teilweise wie direkte Liebeserklärungen an die japanische Drift-Szene. Gerade nachts entfalten die Drift-Events eine Atmosphäre, die man so bislang kaum in einem Horizon-Ableger erlebt hat.

Neu hinzu kommen sogenannte Touge Showdowns. Dabei treten Spieler in direkten Eins-gegen-eins-Duellen auf engen Bergstraßen gegeneinander an. Hier zählen Präzision, Fahrzeugkontrolle und saubere Linienwahl deutlich mehr als pure Höchstgeschwindigkeit. Ebenfalls neu ist der Spec-Racing-Modus. Alle Teilnehmer fahren hier identische Fahrzeuge ohne Tuning-Vorteile, wodurch das reine fahrerische Können stärker in den Vordergrund rückt. Natürlich kehren auch bekannte Modi wie Horizon Drift, The Eliminator oder Hide and Seek zurück.
Auch fahrerisch scheint Playground Games deutlich nachgelegt zu haben. Das Handling wirkt präziser, nachvollziehbarer und kontrollierter als früher. Fahrzeuge reagieren glaubwürdiger auf Gewichtsverlagerungen und schnelle Richtungswechsel. Gerade hier profitiert Horizon offensichtlich von den Erfahrungen aus Forza Motorsport. Trotzdem bleibt das Spiel klar ein zugänglicher Arcade-Racer und driftet nie vollständig in Richtung Simulation ab. Im direkten Vergleich fährt sich vieles realistischer als beispielsweise in The Crew Motorfest.

Die Bedienung funktioniert dabei sowohl mit Controller als auch mit Lenkrad angenehm präzise. Wer allerdings ernsthaft auf Bestzeitenjagd gehen möchte, sollte die umfangreichen Einstellmöglichkeiten unbedingt an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Von Force Feedback bis Lenkverhalten lässt sich beinahe alles feinjustieren.
Kleine Rundkurse als echtes Highlight
Wirklich gelungen sind außerdem die kleineren Rundkurse und Time-Attack-Strecken. Sie wirken nicht wie sterile Rennstrecken, sondern wurden organisch in die offene Welt integriert. Höhenunterschiede, Senken, harte Bremszonen und schnelle Kurvenkombinationen sorgen dafür, dass viele Abschnitte angenehm dynamisch wirken. Gerade zum Abstimmen der umfangreichen Tuning-Optionen funktionieren diese Strecken hervorragend. Hier lässt Forza Motorsport erneut grüßen. Noch spannender wäre allerdings ein späteres Suzuka-Update. Die legendäre japanische Rennstrecke würde perfekt in das Konzept passen.

Technisch hinterlässt Forza Horizon 6 insgesamt einen starken Eindruck. Besonders auf der ROG Xbox Ally X zeigt sich erneut, wie sauber Playground Games seine Spiele optimiert. Trotz der großen offenen Welt läuft das Spiel konstant mit 30 FPS und das ohne größere sichtbare grafische Einschnitte. Auf der Xbox Series X sind dagegen sogar 60 FPS in 4K möglich. Gerade nachts in Tokio entfaltet Horizon 6 dort seine komplette visuelle Stärke.
Japanischer HipHop sorgt für Stimmung
Auch die Radioauswahl gehört erneut zu den großen Stärken der Reihe. Die Sender sind abwechslungsreich zusammengestellt und passen perfekt zur Atmosphäre des Spiels. Besonders positiv fällt auf, dass Playground Games diesmal deutlich mehr japanische Künstler integriert hat. Vor allem der HipHop-Sender sorgt mit lokalen Tracks nochmals für zusätzliche Stimmung bei nächtlichen Fahrten durch Tokio oder über die Bergpässe.
Weniger gelungen bleiben dagegen die wiederkehrenden Moderationen und Tutorials. Nach einigen Stunden beginnen sich viele Ansagen spürbar zu wiederholen. Noch nerviger ist allerdings, dass sich die teils aufdringlichen Tutorial-Einblendungen und Moderationen erneut nicht vollständig deaktivieren lassen. Gerade erfahrene Horizon-Spieler dürften sich relativ schnell fragen, warum Playground Games hier weiterhin so wenig Freiheit bietet.

Über 500 Autos aber überraschende Lücken
Beim Fuhrpark liefert Forza Horizon 6 zunächst beeindruckende Zahlen. Über 500 Fahrzeuge stehen bereits zum Start zur Verfügung und decken von JDM-Klassikern über moderne Performance Cars bis Hypercars nahezu jede Kategorie ab. Gleichzeitig fallen aber auch einige Lücken auf. Hersteller wie Bugatti, Peugeot, DS, SEAT, Cupra oder Skoda fehlen komplett, während Marken wie Jaguar nur sehr eingeschränkt vertreten sind. Besonders überraschend bleibt allerdings das Fehlen von Suzuki. Gerade bei einem Japan-Setting hätte die Marke perfekt ins Spiel gepasst. Aber meine persönlichen Lieblinge wie Lexus LC500 (Fahrbericht) oder Toyota GR Yaris (Fahrbericht) sind glücklicherweise direkt dabei.
Auch kleinere Detailprobleme wurden offenbar weiterhin nicht korrigiert. Der BMW M4 Competition (Fahrbericht) wird beispielsweise erneut nicht korrekt dargestellt und fährt weiterhin serienmäßig mit falschem Antrieb vor. Für viele Spieler mag das nebensächlich sein, Auto-Enthusiasten registrieren solche Fehler allerdings sofort.
Elektroautos spielen ebenfalls eine größere Rolle, allerdings fast ausschließlich im leistungsstarken Segment. Besonders ihre brutale Beschleunigung wird schnell spürbar. Viele EVs wie der Audi E-Tron GT (Fahrbericht) dominieren kurze Sprints und Kurvenausgänge teilweise deutlich. Die Umsetzung des quasi sofort anstehenden Drehmoments wurde sehr gut transferiert.

Große Chance beim Tuning verschenkt
Bei der Individualisierung zeigt sich gleichzeitig eine der größten Schwächen des Spiels. Ja, Mattlackierungen lassen sich jetzt besser anpassen und Folierungen können erstmals auch auf Scheiben genutzt werden. Außerdem darf die eigene Garage umfangreicher gestaltet werden. Trotzdem bleibt das eigentliche Fahrzeugtuning überraschend konservativ. Wer gehofft hatte, dass Playground Games stärker in Richtung Need for Speed Underground denkt, dürfte enttäuscht werden. Optionale Bodykits bleiben selten, viele Fahrzeuge bieten nur minimale Umbauten und selbst grundlegende Dinge wie austauschbare Scheinwerfer oder Rücklichter fehlen weiterhin komplett.
Für einen vollständigen Langzeiteindruck kam der Preview-Code letztlich leider etwas spät. Gleichzeitig war der Terminplan rund um den Testzeitraum bereits extrem voll, weshalb sich einige Bereiche bislang nur eingeschränkt ausprobieren ließen. Dazu gehören vor allem die Multiplayer-Sessions, die bei einem Horizon-Titel eigentlich unverzichtbar sind. Das holen wir noch nach.
Der bislang stärkste Horizon-Ableger?
Schon jetzt hinterlässt Forza Horizon 6 jedoch einen extrem starken ersten Eindruck. Nicht alles ist perfekt und einige Chancen bleiben liegen. Trotzdem wirkt Horizon 6 atmosphärischer, abwechslungsreicher und langfristig motivierender als Forza Horizon 5. Microsoft könnte hier tatsächlich das bislang stärkste Horizon der gesamten Reihe gelungen sein.
Fanaticar Magazin | Fotos: Microsoft / MarioRoman Pictures



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