Der Cadillac Lyriq startet vollelektrisch mit 528 PS und grandioser Verarbeitung. Doch reicht das, um endlich in Europa Fuß zu fassen? 

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Cadillac ist eine Marke, die früher keine Fragen aufwarf. Sie stellte sich einfach vor die Tür. Groß, lautlos, selbstbewusst, chromblitzend. Wer Cadillac fuhr, hatte es geschafft. Punkt. Elvis Presley fuhr Cadillac. In den USA ist die Marke auf Augenhöhe mit Mercedes, BMW und Audi.

2025 Cadillac Lyriq

Und das nicht ohne Grund. Cadillac war 1912 der erste amerikanische Hersteller, der serienmäßig elektrische Anlasser einführte. Eine technische Revolution, die das mühsame Kurbeln per Hand endgültig beendete. In den Fünfzigerjahren folgten erste serienmäßige Klimaanlagen, später automatische Getriebe und Assistenzsysteme, die damals ihrer Zeit weit voraus waren. Cadillac verstand Luxus nie nur als Leder und Chrom, sondern als technische Führung.

Auch im Motorsport setzte die Marke Ausrufezeichen. Mit dem Cadillac CTS-V (Fahrbericht) gelang 2008 ein Nordschleifen-Rekord für serienmäßige Limousinen. In Le Mans gewann Cadillac in den frühen 2000er Jahren seine Klasse und ist seit 2023 mit dem LMDh-Prototyp wieder Gesamtsieger-Anwärter im Hypercar-Feld. Cadillac kann also nicht nur Boulevard und Bling, sondern auch Rundenzeiten.

2011 Cadillac CTS-V Coupe // MarioRoman Pictures
2011 Cadillac CTS-V Coupe // MarioRoman Pictures

Heute sieht die Welt anders aus. Cadillac versucht erneut, in Europa Fuß zu fassen. Dieses Mal vollelektrisch. Der Lyriq ist das Ergebnis dieses Anlaufs. Ein großes SUV, klar positioniert, technisch modern gedacht. Die Frage ist nicht, ob der Lyriq gut ist. Die Frage ist, ob er gut genug ist und ob Cadillac dieses Mal den langen Atem mitbringt. Sie meinen, sie hätten ihn. Mal wieder. Lexus dürfte hier wohl nur milde lächeln. Die haben immerhin schon über 30 Jahre am Stück durchgehalten.

Kein Einheits-SUV, kein Understatement

Man muss Cadillac eines lassen: Der Lyriq sieht nicht aus wie alles andere. Während viele Elektro-SUV inzwischen aussehen, als hätte man sie in einem Windkanal glattpoliert und anschließend vergessen, ihnen Charakter mitzugeben, tritt der Lyriq selbstbewusst auf. Fünf Meter lang, fast zwei Meter breit, mit klarer Linie und eigenständiger Lichtsignatur.

2025 Cadillac Lyriq

Die Front wirkt dunkel und fast klassisch mit künstlicher Kühlergrill-Optik, die schmalen LED-Leuchten geben dem Ganzen etwas Aggressives. Die 21-Zoll-Räder füllen die Radhäuser ordentlich aus. Das Heck polarisiert mit seiner eigenwilligen Lichtgrafik, passt aber genau deshalb ins Gesamtbild. Der Lyriq will nicht everybody’s darling sein. Er will erkennbar sein. Das gelingt.

Mit 5005 Millimetern Länge und 1977 Millimetern Breite bietet er reichlich Raum. Fahrer und Passagiere profitieren von großzügiger Bewegungsfreiheit, das Ladevolumen reicht von 588 bis 1687 Litern. Das ist nicht revolutionär, aber absolut konkurrenzfähig.

2025 Cadillac Lyriq

Innenraum: Cadillac versteht Luxus, wo Mercedes versagt 

Steigt man ein, wird schnell klar: Der Innenraum ist die große Stärke des Lyriq. Verarbeitung, Materialien, Haptik – das sitzt. Nichts knarzt, nichts wirkt billig. Gerade im Vergleich zu manch aktuellem Stern-Modell aus Stuttgart fragt man sich unweigerlich, warum dort Premium inzwischen manchmal nur noch behauptet wird.

Das gebogene 33-Zoll-Display kombiniert Instrumente und Infotainment sauber und hochwertig. Erfreulich ist der noch vorhandene Einsatz physischer Tasten, der im aktuellen Markt fast schon mutig wirkt. Dazu noch ein Dreh-Drück-Schalter, der kurioserweise bei BMW langsam in Vergessenheit gerät. Bedienlogisch ist dennoch nicht alles perfekt. Die Menüführung wirkt stellenweise unnötig verschachtelt. Gefallen hat aber unter anderem die smarte Touch-Bedieneinheit links vom Lenkrad. Am Ende greift man halt doch zu Apple CarPlay. Nicht aus Gewohnheit, sondern aus Pragmatismus. Dennoch. Auch hier punktet Cadillac gegenüber Mercedes, die derzeit auf Only-Touch und aufgesetzte Bildschirme setzen.

2025 Cadillac Lyriq

Das Panoramadach sorgt für viel Licht, der Innenraum wirkt offen und großzügig. Einziger echter Kritikpunkt: die Sicht nach hinten. Die ist eher mäßig. Kameras und Sensoren sind Pflicht. Eine Allradlenkung hätte dem Lyriq im europäischen Alltag gutgetan, gerade bei Parkhäusern und engen Innenstädten.

Fahrkomfort mit innerem Konflikt

Der Cadillac Lyriq bringt 2.774 Kilogramm Leergewicht auf die Waage. Das merkt man. Vor allem im Stadtverkehr. Das Fahrwerk wirkt hier überraschend straff, Unebenheiten werden nicht immer souverän weggefiltert. In Kombination mit dem Gewicht fühlt sich der Lyriq im urbanen Umfeld manchmal schwerfällig an. Dabei hat man doch das hervorragende Magnetic Ride im Portfolio. Warum wird es hier nicht eingesetzt?

2025 Cadillac Lyriq

Sobald die Stadt hinter einem liegt, dreht sich das Bild. Auf der Langstrecke spielt der Lyriq seine Stärken aus. Er liegt ruhig, satt und stabil auf der Straße. Wind- und Abrollgeräusche bleiben draußen, unterstützt durch aktive Geräuschunterdrückung und Lautsprecher in den Kopfstützen. Hier fühlt sich der Lyriq richtig an. Hier passt sein Charakter. Sportlichkeit ist kein Thema. Und das will auch keiner bei so einem Gerät.

Leistung ohne Drama

Der Allradantrieb liefert 528 PS (388 kW) und 610 Nm Drehmoment. Der Sprint von null auf 100 km/h gelingt in 5,3 Sekunden. Das sind Werte, die auf dem Papier beeindrucken. Auf der Straße bleiben sie erstaunlich unaufgeregt.

2025 Cadillac Lyriq

Der Lyriq verzichtet auf jede Form von Inszenierung. Keine aggressive Gasannahme, kein künstlicher Punch. Stattdessen eine gleichmäßige, ruhige Leistungsentfaltung. Die Kraft ist da, aber sie drängt sich nicht auf. Der Lyriq folgt konsequent dem Motto: Man könnte, wenn man wollte. Das passt zu seinem Charakter. Der Lyriq ist kein Auto, das animiert. Er beruhigt. Er möchte gleiten, nicht angreifen. Die Leistung ist Reserve, keine Aufforderung. Aber…

Auch der Cadillac Lyriq-V ist bereits erhältlich. 615 PS, 880 Nm, 0–100 km/h in 3,6 Sekunden, 230 km/h Spitze. Die Reichweite reduziert sich hier allerdings radikal auf 470 Kilometer laut WLTP. Zudem geht es hier erst ab 108.809 Euro los.

2025 Cadillac Lyriq

Reichweite akzeptabel, Laden problematisch

Unter dem Fahrzeugboden sitzt eine Batterie mit 102 kWh Bruttokapazität. Cadillac gibt eine WLTP-Reichweite von bis zu 530 Kilometern an. Im Alltag waren rund 400 Kilometer realistisch. Das ist solide, aber nicht überragend.

Problematisch wird es beim Laden. AC-seitig sind bis zu 22 kW möglich. DC-seitig liegt die maximale Ladeleistung bei 190 kW, was laut Hersteller rund 200 Kilometer Reichweite in 15 Minuten ermöglichen soll. In der Praxis bedeutet das Ladezeiten von bis zu 45 Minuten, um wieder sinnvoll unterwegs zu sein.

2025 Cadillac Lyriq

Für ein Fahrzeug jenseits der 80.000-Euro-Marke ist das nicht mehr zeitgemäß. Und das ist besonders ärgerlich, weil die Technik im Konzern in Form der BT1-Plattform vorhanden ist. General Motors kann 800 Volt. Cadillac nutzt es hier nicht.

Während Wettbewerber wie Xpeng, Genesis, BMW, Mercedes-Benz oder Audi längst oder zeitnah auf 800-Volt-Architekturen setzen, bleibt der Lyriq noch bei 400 Volt stehen. Kurz gesagt: Die Ladeleistung ist für diese Klasse inakzeptabel. Und genau das könnte dem Lyriq am Ende die neue Europapräsenz vermiesen. Hier wurde schlichtweg am falschen Ende gespart.

Immerhin darf der neue Cadillac Escalade IQ mit 800-Volt laden. Dazu kommt noch eine gigantische 233 kWh-Batterie, die das Schlachtschiff bis zu 720 Kilometer über die Highways bringen soll. Doch der bleibt uns, wie auch die Verbrennervariante, hierzulande leider verwehrt. Mit einem Leergewicht von rund 4 Tonnen dürfte hierzulande ohnehin bei den meisten regulären Führerscheinen die Grenze erreicht sein.

2025 Cadillac Lyriq

Fazit – Charakter schlägt Technik, aber nur bis zu einem Punkt

Der Cadillac Lyriq ist ein tolles Auto. Hervorragend verarbeitet, komfortabel, eigenständig im Design und angenehm anders als der europäische Mainstream. Er fährt sich wie ein echter Cadillac: ruhig, souverän, gelassen.

Gleichzeitig verschenkt er enormes Potenzial. Die Ladeleistung ist nicht mehr zeitgemäß, die Technikentscheidung schwer nachvollziehbar. In einem (hochpreisigen) Segment, in dem Fortschritt ein Verkaufsargument ist, kann man sich Stillstand nicht leisten.

Der Lyriq zeigt, dass Cadillac Charakter kann. Ob die Marke dieses Mal auch Konsequenz zeigt, wird entscheiden, ob dieser Anlauf mehr ist als nur der nächste Versuch.

Technische Daten Cadillac Lyriq AWD

Kategorie Daten
Modell Cadillac Lyriq Allradantrieb
Preis ab 81.000 Euro
Preis Testfahrzeug 85.950 Euro
Leistung 528 PS (388 kW)
Drehmoment 610 Nm
Antrieb Allradantrieb, zwei Elektromotoren
0-100 km/h 5,3 Sekunden
Batterie 102 kWh
Reichweite (WLTP) bis zu 530 km
AC Laden bis 22 kW
DC Laden bis zu 200 km in 15 Minuten
Radstand 3.094 mm
Länge 5.005 mm
Breite 1.977 mm
Höhe 1.623 mm
Leergewicht 2.774 kg
Anhängelast 1.587 kg
Kofferraumvolumen 588 bis 1.687 Liter
Bereifung 275/45 R21
Bremsen vorne 390 mm Brembo
Bremsen hinten 345 mm

Testwagen-Konfiguration

Option Preis
Radiant Red Tintcoat 1.950 Euro
Nappaleder Oxford Stone 3.000 Euro
21 Zoll Mehrspeichen-Felgen 0 Euro
Gesamtpreis 85.950 Euro

Fanaticar Magazin | Fotos: MarioRoman Pictures